
Philosophie nach Marx:
100 Jahre Marxrezeption und die normative Sozialphilosophie der Gegenwart in der Kritik
Broschiert – von Christoph Henning (Autor)Christoph Henning (Dr. phil.) promovierte in Dresden und war Mitarbeiter an der Zeppelin University in Friedrichshafen. Er ist Junior Fellow am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt und habilitierte 2014 an der Universität St. Gallen mit der Schrift "Freiheit, Gleichheit, Entfaltung: Die politische Philosophie des Perfektionismus".
Christoph Hennings materialreiche Studie unterzieht hundert Jahre theoretischer Marxrezeption über die Disziplingrenzen hinweg einer kritischen Analyse. Vor diesem Hintergrund versucht der Autor eine Rekonstruktion des Marx'schen Werkes gegen seine bisherigen Auslegungen.
Der erste Teil des Bandes behandelt systematisch die Marxrezeptionen in Sozialdemokratie und Kommunismus, in Ökonomie, Soziologie, Philosophie, Kritischer Theorie und Theologie. Als Haupttendenz erweist sich hier die Verlagerung ökonomischer Argumente in immer spekulativere Gefilde.
Der zweite Teil kritisiert heutige Sozialphilosophien und zeigt, dass ihr dezidiert normativer Ansatz aus diesen verfehlten Marxrezeptionen resultiert. Der Band fordert damit zu einer neuen Auseinandersetzung mit Marx jenseits politischer Grabenkämpfe heraus.
Der Kulturwissenschaftler Christoph Henning hat mit seinem Buch einen theoretischen Rundumschlag
vorgelegt, dessen Waffe das Breitschwert, nicht aber das Skalpell ist.
Henning tritt an, in Form einer
„Destruktion des Überlieferungsgeschehens“ (23) den Rezeptionsschutt wegzuarbeiten, der sich im
Laufe von mehr als einem Jahrhundert in der marxistischen wie antimarxistischen Theoriegeschichte
angesammelt und unser Verständnis von ‚der’ Marxschen Theorie entscheidend geprägt hat. Den
leitenden Gesichtspunkt, unter dem ein enormes Textmaterial ökonomischen, soziologischen,
philosophischen und theologischen Denkens bearbeitet wird, liefert die These, die gesamte
nachmarxsche Theoriegeschichte sei als Prozess des „Verlust[es] des Gegenstands ‚Gesellschaft’“ (29)
zu begreifen.
Was bei Marx noch originäres Objekt kritischer Theoriebildung gewesen sei, zerfalle in
den verschiedenen Disziplinen ‚bürgerlichen’, aber auch bereits in der ‚orthodoxen’ Richtung
marxistischen Denkens in die Dichotomien von Subjekt vs. Objekt, Technik vs. Ethik, Arbeit vs.
Interaktion, Mensch-Mensch vs. Mensch-Ding-Relationen usf. In den einzelnen Kapiteln, die eine
kurze Aufarbeitung der Marxrezeption in den jeweiligen Fachgebieten enthalten und auch unabhängig
voneinander lesbar sind, finden sich zugleich ‚systematische Kernpunkte’, die einen Zugang zum, wie
es naiv-hermeneutisch heißt, „von Marx gemeinten Sinn“ (23) seiner Texte liefern sollen. Dessen
Kritik der politischen Ökonomie wird als Ansatz begriffen, der empirische Erscheinungen der
kapitalistischen Moderne durch theoretische Mittelglieder hindurch mit nichtempirischen Modellen zu
erklären beansprucht (335, 564).
Weder dürften die Modelle empiristisch verkürzt als unmittelbare
Beschreibungen empirischer Prozesse verstanden werden (so geschehen im traditionellen Marxismus
(37)), noch sei die nichtempirische Ebene ungestraft von ihrem Zusammenhang mit der erfahrbaren
Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft zu trennen (wie es für die mannigfaltigen
‚Verphilosophierungsversuche’ bis hin zum Hegelmarxismus (569) diagnostiziert wird). Die
Entfernung von der Wirklichkeit wird vor allem der normativen Sozialphilosophie der Gegenwart von
Rawls und Habermas bis hin zur Wirtschaftsethik bescheinigt, der mit einem „therapeutischen
Realismus“ (547) begegnet werden soll.
Dabei ist Henning zwar zuzustimmen, wenn er den normativistischen Modellkonstruktionen der
Gegenwartsphilosophie wie den Prämissen der neoklassischen Ökonomie vorwirft, bereits mit der
schnöden Alltagserfahrung in Konflikt zu geraten und zentrale empirische Probleme der globalisierten
Menschheit schlicht zu ignorieren: „Wir hören von Elend und Krieg, spüren natürliche Triebe und
müssen unsere Rechnungen bezahlen“ (546). Doch dieser Ansatz gerät nicht selten zu einer
unbegründeten Substantialisierung des common sense und unserer „Intuitionen“, resp. der ‚harten
Wirklichkeit’ als Kriterium der Bewertung von Theorien und „Wegzeichen“ (547) zu einer
sachhaltigen Analyse der Gegenwart.
Von hierher speist sich wohl auch der grobschlächtige und
hemdsärmelige Argumentationsstil des Autors, wenn es um die Bewertung der Überlegungen der
Kritischen Theorie, die schlicht unter „Religion“ abgekanzelt wird, oder des bundesdeutschen
Marxismus der 1970er Jahre geht, „der aus den Marx’schen Texten nicht mehr zur Welt kam“ (569).
In der Charakterisierung des ‚Neomarxismus’ wimmelt es zudem von sachlichen Fehlern, z.B. in der
Bewertung der monetären Werttheorie, die Henning als Position (miss-)versteht, die einen logischen
Primat des Geldes vor dem Wertbegriff vertrete und es derart als nicht weiter erklärbare Prämisse
behandle (171).
Hier wird auch die „Wertformanalyse“ von einem Teil des Marxschen ‚Kapital’
kurzerhand zu „einem späten Ausläufer adornitischer Sozialphilosophie“ (170) und wird jemand wie
Ernest Mandel zu einem Theoretiker (v)erklärt, der die Zentralität des Geldes für die Marxsche
Werttheorie erkannt habe (172). Jeder, der sich ernsthaft mit der Rezeptionsgeschichte der Marxschen
Geldtheorie befasst hat, kann über solche Thesen nur den Kopf schütteln. Ist doch Mandel derjenige,
der in seiner ‚Marxistischen Wirtschaftstheorie’ mit dem größten Aufwand versucht, die Engelsschen
Mythen einer einfachen, geldlosen Warenproduktion mittels vermeintlicher empirischer ‚Beweise’ zu
retten.
Bei näherer Betrachtung findet man eine ganze Reihe derart befremdlicher Thesen,
vornehmlich zur neuen Marx-Lektüre in der Bundesrepublik. Geradezu verächtlich ist da von
„Deduktionsmarxismus“ (332) die Rede, werden die unterschiedlichsten Theoretiker unter das Label
‚Hegelmarxismus’ subsumiert (selbst solche, die, wie Klaus Holz, sich nichts geringeres vornehmen,
als Dialektik und Identitätsphilosophie grundlegend zu verabschieden!) (563) oder nimmt es Henning
nicht so genau mit den Aussagen seiner Lieblingsgegner, namentlich dem Marxologen Hans-Georg
Backhaus (171 FN 115). Hennings spärliche Bemerkungen zur Methode der Marxschen
Ökonomiekritik fußen dabei weitgehend auf den Ausführungen des analytischen Philosophen Ulrich
Steinvorth (u.a. 335, 563).
Mit dessen unzweifelhaft interessantem und elaboriertem Versuch einer
einheitswissenschaftlichen Konzeption Marxscher Dialektik werden aber auch dessen Schwachpunkte
schlicht reproduziert.
Marx’ Geldtheorie erscheint so als eine von pragmatischen
‚Regelzusammenhängen’, was ihre Differenz zu klassischen Ansätzen nicht mehr erkennbar werden
lässt (175). Das erste Kapitel des ‚Kapital’ könne „überschlagen“ werden, „ohne dem Buch einen
Abbruch zu tun“ (146) und die Darstellungsweise sei lediglich „didaktisch sinnvoll[e]“ Ordnung
chaotischen Materials (145). Wie dann, ohne einen Begriff von Wert und Wertform, noch Geld und
Kapital zu begreifen sind, bleibt Hennings Geheimnis.
Fragen, die bei einer Rezeption Steinvorths
auftauchen, z.B. der, wie ‚unwirkliche’ Widersprüche, für die er diejenigen von Gebrauchswert und
Wert, Ware und Geld hält, in einer Krise plötzlich zu wirklichen werden können, weicht Henning
schlicht aus. Sein ‚Zurück zu Marx’ (13), so treffend es viele tatsächliche Fehlinterpretationen
aufdeckt (obwohl ihm hierin keinesfalls Originalität bescheinigt werden kann), entpuppt sich so nicht
selten als eine simulierte Orthodoxie, die mit einer Oberflächlichkeit und Selbstverständlichkeit
methodologische Fragen übergeht, die einem den Atem verschlägt.
Ein weiteres Ärgernis hängt mit der Stärke des Buches zusammen: Dessen ungeheurer
Materialreichtum geht bisweilen in einen wahrhaften Zitier- und Fußnotenwahn über (bis zu 30
Buchtitel zu einem Stichwort sind keine Seltenheit; das Literaturverzeichnis umfasst 88 (!) eng
bedruckte Seiten), der etliche Werke meist ohne Seitenangaben als Belegstellen anführt, der Bücher
angibt, die noch gar nicht veröffentlicht sind (z.B. Krätke 2002) oder es auch sonst mit deren
Erscheinungsjahr (z.B. Dieter Wolf 1980 (tatsächlich 1985) bzw. 2003 (tatsächlich 2002)) oder den
Namen von Autoren (Lucio Colletti wird zu Coletti (41, 329, 585), Gert Schäfer zu Gerd Schäfer
(640) usw.) nicht so genau nimmt.
Dennoch kann dieses Buch sowohl für solvente Einsteiger in die Beschäftigung mit ‚dem’ Marxismus
als auch für solche, die sich mit den Geisteswissenschaften der Gegenwart herumschlagen wollen, von
Nutzen sein. Bei einem Preis von fast 40 Euro und der Konzentration auf Rezeptionsgeschichte hätte
aber ein Personenverzeichnis nicht schaden können...
Ingo Elbe
Christoph Henning, Philosophie nach Marx. 100 Jahre Marxrezeption und die normative
Sozialphilosophie der Gegenwart in der Kritik, transcript-Verlag, Bielefeld 2005, 659 S., 39,80 Euro