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Freitag, 5. September 2014

Die Stadt der Blinden





Die Stadt der Blinden
Taschenbuch – von José Saramago  (Autor), Ray-Güde Mertin (Übersetzer)

José Saramago, geboren am 16. November 1922 in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo, entstammt einer Landarbeiterfamilie.
Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist bei verschiedenen Lissabonner Tageszeitungen.

Seit 1966 widmete er sich verstärkt der Schriftstellerei. Der Romancier, Erzähler, Lyriker, Dramatiker und Essayist erhielt 1998 den Nobelpreis für Literatur.
José Saramgo verstarb am 18. Juni 2010.


In einer unbekannten Stadt in einem unbekannten Land wird ein Mann, der in seinem Auto sitzt und darauf wartet, daß die Ampel auf Grün schaltet, plötzlich mit Blindheit geschlagen. Aber anstatt in Dunkelheit gestürzt zu werden, sieht dieser Mann plötzlich alles weiß, als ob er "in einem Nebel gefangen oder in einen milchigen See gefallen wäre".
Ein barmherziger Samariter bietet an, ihn nach Hause zu fahren (um ihm danach das Auto zu stehlen); seine Frau bringt ihn mit dem Taxi in eine nahegelegene Augenklinik, wo er an den anderen Patienten vorbei in das Behandlungszimmer gebracht wird.
Innerhalb eines Tages sind die Frau des Mannes, der Taxifahrer, der Arzt und seine Patienten und der Autodieb allesamt Opfer dieser Blindheit geworden.

Als die Epidemie sich ausbreitet, gerät die Regierung in Panik und beginnt, die Opfer in einer leerstehenden Nervenheilanstalt unter Quarantäne zu stellen. Dort werden sie von Soldaten bewacht, die den Befehl haben, jeden, der zu fliehen versucht, zu erschießen.

So beginnt die Geschichte des portugiesischen Schriftstellers José Saramago über eine Menschheit im Belagerungszustand. Ein erheblicher Mangel an Absätzen, begrenzte Zeichensetzung und eingeschobene Dialoge ohne Anführungszeichen und Attribute erscheinen im ersten Moment als eine ziemliche Herausforderung, aber dieser Stil trägt tatsächlich zum Spannungsaufbau und zur Einbindung des Lesers bei.
In dieser Gemeinschaft von blinden Menschen gibt es noch ein Paar sehender Augen: die Frau des Arztes hat ihre Blindheit nur vorgetäuscht, um ihren Mann in die Quarantäne begleiten zu können. Als die Zahl der Opfer wächst und das Asyl aus allen Nähten platzt, beginnt die Versorgung zusammenzubrechen: Toiletten laufen über, Lebensmittellieferungen kommen nur noch sporadisch, es gibt keine medizinische Versorgung für die Kranken und keine Möglichkeit, die Toten richtig zu begraben.
Zwangsläufig beginnen die gesellschaftlichen Konventionen ebenfalls zu zerfallen -- eine Gruppe der blinden Insassen übernimmt die Kontrolle über die schwindende Lebensmittelversorgung und benutzt sie, um die anderen auszubeuten. Währenddessen bemüht sich die Frau des Arztes, ihre kleine Gruppe von blinden Schützlingen zu beschützen, und führt sie schließlich aus dem Asyl in die mittlerweile schrecklich veränderte Landschaft der Stadt zurück.
Die Stadt der Blinden ist in vielerlei Hinsicht ein erschreckender Roman. Er liefert eine detaillierte Beschreibung des totalen Zusammenbruchs der Gesellschaft nach einer überaus unnatürlichen Katastrophe.

Saramago treibt seine Figuren bis an den Rand der Menschlichkeit und stürzt sie dann in den Abgrund. Seine Charaktere lernen, in unfaßbarem Schmutz zu leben, sie begehen Akte unbeschreiblicher Gewalt und erstaunlicher Großzügigkeit, die vor dieser Tragödie für sie unvorstellbar gewesen wären. Die gesamte gesellschaftliche Struktur verändert sich, um sich den neuen Umständen anzupassen -- einer Welt, in der einst zivilisierte Stadtbewohner zu zerlumpten Nomaden werden, die sich auf der Suche nach Nahrung von Gebäude zu Gebäude tasten.
Der Teufel steckt im Detail, und Saramago hat sich für uns eine Hölle ausgemalt, in der diejenigen, die auf der Straße erblindeten, niemals mehr ihr Zuhause finden werden, in der Menschen gezwungen sind, Hühner roh zu verspeisen, und Rudel von Hunden auf der Suche nach Leichen über die kotübersähten Bürgersteige streunen.
Und dennoch, all diesem Horror hat Saramago Passagen von unübertroffener Schönheit entgegengesetzt. Als ihr von drei ihrer Schützlinge -- Frauen, die sie niemals sehen konnten -- gesagt wird, sie sei schön, "bricht die Frau des Arztes in Tränen aus wegen eines Personalpronomens, eines Adverbs, eines Verbs, eines Adjektivs, bloße grammatikalische Kategorien, bloße Etiketten, genau wie die zwei Frauen, die anderen, unbestimmte Pronomen, auch sie weinen, sie umarmen die Frau des ganzen Satzes, drei Grazien im Regen."

Mit dieser einen Frau hat Saramago eine tapfere, vollentwickelte Figur geschaffen, die dem Leser als Augen und Ohren und als das Gewissen der Menschheit dient. Und er hat mit Die Stadt der Blindeneine gehaltvolle, letztlich transzendente Betrachtung geschrieben über das, was es bedeutet, Mensch zu sein.
--Alix Wilber


Freitag, 11. Januar 2013

Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise







Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise (suhrkamp taschenbuch) [Taschenbuch]

Tuvia Tenenbom , Michael Adrian  



»Tenenboms Deutschland-Reportage ist gradlinig und lässig formuliert, getragen von einer sanften Verzweiflung, von Spott und einem guten Maß Selbstironie. Und sie ist trotz der Abgründe, die sie auslotet, ziemlich unterhaltsam.« (Sebastian Hammelehle Spiegel Online )

»Mut ist, wenn einer Fragen stellt, die sonst keiner stellt, weil sie unschicklich, peinlich, brisant sind. Eine Kamikaze-Erkundung des deutschen Nationalcharakters.« (Evelyn Finger Die Zeit )

»Größtenteils lustig und unterhaltsam, aber mitunter bitterböse.« (Martin Knobbe stern )

»Komisch, selbstironisch und bisweilen böse.« (Sigrid Brinkmann Deutschlandradio Kultur )




Tuvia Tenenbom wurde 1957 in Tel Aviv geboren, stammt aus einer deutsch-jüdisch-polnischen Familie und lebt seit 1981 in New York. 
Er studierte unter anderem englische Literatur, angewandte Theaterwissen-schaften, Mathematik und Computerwissenschaften sowie rabbinische Studien und Islamwissenschaften, unter anderem an der St. John's University und an der New York University. 
Er arbeitet als Journalist, Essayist und Dramatiker und schreibt für zahlreiche Zeitungen in den USA, Europa und Israel, darunter für Die Zeit, den italienischen Corriere della Sera und Yedioth Ahronoth aus Israel.

1994 gründete er das Jewish Theater of New York. Le Monde nannte ihn einen »Begründer einer neuen Form des jüdischen Theaters«, die New York Times lobte seine Theaterarbeiten als »unwiderstehlich und faszinierend«, der Corriere della Sera pries ihn »als einen der innovativsten zeitgenössischen Dramatiker«. 

In der Zeit veröffentlicht Tenenbom zweimal im Monat die Kolumne »Fett wie ein Turnschuh«. Allein unter Deutschen ist sein erstes Buch auf Deutsch, es erschien 2011 auf Englisch unter dem Titel I Sleep in Hitler's Room.


Tuvia Tenenbom begibt sich auf Entdeckungsreise durch Deutschland: 
von Nord nach Süd, von Ost nach West, in die Stadt, aufs Land, in die Kirchen und in die Kneipen. 

Auf seiner Suche nach der deutschen Identität schreckt er vor keiner Begegnung zurück. Er interviewt Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo und Kai Diekmann, er ist zu Gast in einem rechtsradikalen Club, er begleitet linke Autonome auf Erste-Mai-Demonstrationen. Er beobachtet die Biertrinkernation im WM-Sommer 2010, er besucht Synagogen, die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald, den Weltkirchentag, die Passionsspiele in Oberammergau. Er spricht mit Studenten und Professoren, mit Bankern und Industriellen, mit Politikern und Künstlern, mit Bürgermeistern und Schrebergartenbesitzern, mit Obdachlosen und Junkies. 

Quer durch alle gesellschaftlichen Schichten stellt er immer wieder die gleichen, drängenden Fragen: 
- Wie ist es um den Nationalstolz der Deutschen bestellt? 
- Wie gehen sie mit der deutschen Vergangenheit, wie mit dem Antisemitismus um? 
- Wie reflektiert und kritisch sind sie dabei? 
Tenenbom nimmt in seinem sarkastischen, provokanten Reisebericht kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, den Spiegel vorzuhalten. Auf unterhalt-same Weise führt er mit scharfer Beobachtungsgabe die deutschen Marotten vor und enthüllt dabei intelligent und komisch zugleich die Seele des Landes und seiner Bewohner. 

Es treten auf: Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo, Jens Jessen, Horst Tomayer, André Schiffrin, Charles Schumann, Kai Diekmann, Holger Franke (»Rote Grütze«), Adolf Sauerland, Helge Schneider, Paul Bauwens Adenauer, Peter Scholl-Latour u.a..